Das letzte Hurra in den drei Streifen: Zwischen Titelträumen, V-Mangel und dem Ende einer Ära

Es ist soweit. Wenn die deutsche Nationalmannschaft an diesem Montagnachmittag in Foxborough gegen Paraguay auf den Platz tritt, geht es um weit mehr als nur das Weiterkommen. Erstmals seit der Weltmeisterschaft 2014 steht Deutschland wieder in der K.o.-Phase eines globalen Turniers. Der Druck ist greifbar, denn jedes Spiel ab jetzt könnte das allerletzte sein, in dem die Nationalelf in den ikonischen drei Streifen von Adidas aufläuft.

Sportlich gesehen steht Julian Nagelsmanns Truppe vor einer unangenehmen Aufgabe. Der 7:1-Kantersieg gegen den Debütanten Curaçao am ersten Spieltag hatte zwar eine gewaltige Euphorie entfacht – zumal Spanien parallel gegen die Kapverden nicht über ein torloses Remis hinauskam. Doch beim bitteren 1:2 gegen Ecuador im letzten Gruppenspiel bekam die deutsche Leichtigkeit prompt einen Dämpfer. Eine frühe Führung wurde aus der Hand gegeben, das Momentum ist erst einmal dahin.

Mit Paraguay wartet nun in der Runde der letzten 32 ein Gegner, der offensiv arg limitiert daherkommt, aber defensiv extrem schwer zu knacken ist. Die Südamerikaner, aktuell Nummer 41 der Welt, haben sich nach einer klaren Auftaktpleite gegen die USA mit einem entscheidenden Sieg gegen die Türkei und einem zähen Nullnummer-Remis gegen Australien als Gruppendritter ins Turnier gemogelt. Gustavo Alfaros Mannschaft verteidigt kompakt und kompromisslos. Wer glaubt, das wird ein Selbstläufer, irrt gewaltig – Deutschland muss gegen diese tiefstehende Defensive zwingend Lösungen finden, um keine böse Überraschung zu erleben.

Der absurde Trikot-Hype und die fehlenden Buchstaben

Dass das WM-Fieber in der Heimat und bei den mitgereisten Fans längst ausgebrochen ist, zeigt sich an einer fast schon kuriosen Anekdote am Rande: Dem DFB und seinem Ausrüster-Partner 11teamsports sind schlichtweg die Buchstaben ausgegangen. Genauer gesagt: das „V“. Wer sich aktuell ein Trikot der Torschützen Kai Havertz und Deniz Undav oder von Mittelfeldstratege Aleksandar Pavlovic beflocken lassen will, muss sich gedulden. Der Run auf die Namen ist derart gigantisch, dass es zu Lieferengpässen kam. Adidas beschwichtigt zwar, der Mangel sei schnell behoben und neue Vs seien bereits auf dem Weg, doch die Symbolik bleibt stark: Das Team zieht die Massen wieder an.

Die diesjährigen WM-Trikots treffen offenbar genau den Nerv der Zeit. Vor allem das Ausweichjersey, eine türkisfarbene Hommage an das Auswärtstrikot der letzten US-Weltmeisterschaft 1994, geht über die Ladentheke wie geschnitten Brot. Auch das weiße Heimtrikot mit seinem nostalgischen Schwarz-Rot-Gold-Verlauf, das stark an den Triumph von Italia ’90 erinnert, erfreut sich enormer Beliebtheit. Einzig das revolutionäre, pinke Auswärtstrikot der Heim-EM 2024 bleibt vorerst der unangefochtene Allzeit-Bestseller (ein Turnier, bei dem Havertz übrigens der einzige deutsche Spieler mit einem „V“ im Namen war, da Pavlovic nicht im Kader stand).

Majestätsbeleidigung oder nötiger Neustart?

Doch über all der modischen Nostalgie schwebt der unausweichliche Bruch. Die Nachricht schlug 2024 ein wie eine Bombe: Nach über sieben Jahrzehnten wechselt der DFB ab 2027 ausgerechnet zum US-Erzrivalen Nike. Das Unternehmen aus dem bayerischen Herzogenaurach, 1949 gegründet und seit 1950 Produzent von Fußballschuhen, ist mit dem deutschen Fußball regelrecht verschmolzen. Seit 1954, dem Jahr des ersten WM-Titels, rüstet Adidas den DFB offiziell aus – eine Partnerschaft, die alle vier WM-Titel der Männer und zwei der Frauen überdauerte.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder brachte den Schock damals auf den Punkt: „Die Nationalmannschaft spielt in drei Streifen – das war so klar, wie dass der Ball rund ist und ein Spiel 90 Minuten dauert.“ Fußball sei kein Spielball internationaler Konzernschlachten.

Das Trikot der „Mannschaft“ hat in Deutschland eine ganz eigene, durchaus heikle kulturelle Aufladung. Wie ein Arzt aus Berlin treffend anmerkte, wird Patriotismus hierzulande historisch bedingt eher mit spitzen Fingern angefasst. Das kollektive Bewusstsein über die Gräuel des Zweiten Weltkriegs sitzt tief. Doch seit dem Sommermärchen 2006 ist das Tragen des Nationaltrikots die große Ausnahme, ein gesellschaftlich völlig akzeptiertes Ventil für Nationalstolz.

Entsprechend emotional blicken die Fans vor Ort in den Staaten auf den bevorstehenden Wechsel. Ein Anhänger aus Rostock, der das Ecuador-Spiel im frisch umgetauften „New York New Jersey Stadium“ verfolgte, sprach vielen aus der Seele: Es fühle sich schlichtweg komisch an. Man habe vier Weltmeisterschaften in „Adi“ gewonnen; es werde dauern, sich an einen neuen Sponsor zu gewöhnen. Auch unter Auslandsdeutschen regt sich Skepsis. Man befürchtet Nikes Hang zu grellen, untraditionellen Farben – man denke nur an das schaumgrüne Frankreich-Trikot, das die französisch-amerikanische Freundschaft ehren sollte, für Les Bleus aber einen harten Stilbruch darstellte.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Stimmen, die den Wechsel begrüßen. Manche empfinden das klassische Adidas-Design mittlerweile als etwas altbacken und erhoffen sich von Nike frischere, mutigere Ansätze.

Die Amerikaner scharren bereits mit den Hufen

Nike macht derweil keinen Hehl daraus, dass man es kaum erwarten kann, das Zepter zu übernehmen. Rund um das Turnier in den USA streut die Marke gezielt kleine Hinweise. In Werbespots tauchen versteckte „Easter Eggs“ mit der Aufschrift „Erscheint 2027“ auf. Und kurz vor dem letzten Gruppenspiel der Deutschen schipperte in New Jersey ein massives Werbeschiff über den Hudson River. Darauf prangte ein verpixeltes Trikot mit Jamal Musiala, versehen mit dem Swoosh und der neckischen Aufschrift „Hallo New Jersey“.

Ob Nike dem riesigen Erbe gerecht wird, muss sich zeigen. Camilo Andrade, der globale Fußball-Chef der Amerikaner, beteuert, man werde die deutsche Fußballhistorie in den kommenden Designs respektieren. Doch er weiß genau, wie sensibel dieses Terrain ist und dass die Übernahme eines Teams, das derart eng mit dem größten Konkurrenten verzahnt ist, kein leichtes Unterfangen wird.

Aber das ist Zukunftsmusik. Jetzt zählt für die DFB-Elf erst einmal nur Paraguay. Und vielleicht braucht es heute Nachmittag einfach einen dieser begehrten Spieler mit „V“ auf dem Rücken, um das Ticket für das Achtelfinale zu buchen und den Abschied von den drei Streifen noch ein kleines bisschen hinauszuzögern.