Nvidia vor den Zahlen: Gesunde Korrektur oder herbe Enttäuschung voraus?

Die Börsenwoche startet ungemütlich. Die großen US-Indizes – Dow Jones, S&P 500 und der Tech-lastige Nasdaq – mussten bereits vor dem Wochenende Federn lassen und tendieren auch zum Wochenauftakt im Minus. Die Gründe für die gedrückte Stimmung sind vielschichtig: Eine hartnäckige Inflation, geopolitische Unsicherheiten nach dem jüngsten Gipfeltreffen zwischen Donald Trump und Xi Jinping sowie spürbar anziehende Anleiherenditen lasten auf den Kursen. Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen hat die Marke von 4,5 Prozent übersprungen und kratzt mittlerweile an der 4,6-Prozent-Marke. In diesem nervösen Marktumfeld blickt die Wall Street wie gebannt auf den kommenden Mittwoch, den 20. Mai. Dann legt der unangefochtene KI-König Nvidia seine mit Spannung erwarteten Quartalszahlen vor.

Nvidia hat erst vor wenigen Tagen die Marke von 5,7 Billionen US-Dollar Marktkapitalisierung überschritten und damit seine Position als wertvollstes Unternehmen der Welt gefestigt. Doch kurz vor dem großen Tag gerät die Aktie ins Straucheln. In den jüngsten Handelsstunden notierte das Papier bei 225,32 US-Dollar, was einem Minus von 4,4 Prozent entspricht. Anleger erleben derzeit das klassische Psychospiel der Wall Street: Die Erwartungen sind astronomisch hoch, die fundamentale Story rund um die künstliche Intelligenz ist zwar intakt, aber im Markt stellt man sich die Frage, ob der aktuelle Kursrücksetzer eine erstklassige Einstiegschance bietet oder das Signal dafür ist, dass die Bewertung der Realität meilenweit vorausgelaufen ist.

Gewinnmitnahmen in einem heißgelaufenen Markt

Die kurzfristige Schwäche der Nvidia-Aktie sieht im Moment eher nach einer gesunden Konsolidierung als nach handfester Panik aus, spiegelt aber eine spürbare Vorsicht wider. Ein Blick auf die nackten Zahlen zeigt, wie rasant die Rallye zuletzt war: Der Philadelphia-Halbleiterindex ist seit Ende März um gut 64 Prozent in die Höhe geschossen. Nvidia selbst hat seit dem März-Tief rund 36 Prozent zugelegt, obwohl der Kurs in diesem Monat bereits neue Rekordhöhen markiert hatte. Dass nach solchen Sprüngen Gewinne mitgenommen werden, liegt in der Natur der Sache – zumal der gesamte KI-Sektor mittlerweile als extrem überlaufener Trade gilt.

Gleichzeitig schleichen sich fundamentale Zweifel in die Köpfe einiger Investoren. Es wird lauter darüber diskutiert, ob die gigantischen Infrastrukturinvestitionen der großen Tech-Konzerne in absehbarer Zeit überhaupt die Renditen abwerfen, die diese massiven Kapitalausgaben rechtfertigen. Der Druck im Vorfeld der Zahlen kommt also nicht von ungefähr. Der Markt hat monatlich darauf gewettet, dass der Boom bei Rechenzentren ungebremst weitergeht und Nvidia die Hardware-Ebene der KI-Infrastruktur dauerhaft dominiert.

Analysten bleiben optimistisch, aber die Luft wird dünner

Trotz der kurzfristigen Delle bleibt das Bullen-Lager stark besetzt. Die Bank of America hat ihr Kursziel jüngst von 300 auf 320 US-Dollar angehoben und führt Nvidia weiterhin als Top-Pick im Sektor. Wells Fargo zog nach und schraubte das Ziel von 265 auf 315 US-Dollar hoch. Die Optimisten verweisen auf langfristige Prognosen: Die Bank of America schätzt, dass der Markt für KI-Rechenzentren bis zum Jahr 2030 ein Volumen von 1,7 Billionen US-Dollar erreichen könnte. Nvidia gilt hier nach wie vor als Hauptprofiteur der nächsten Investitionswelle. Das Ausmaß der bisherigen Rallye ist ohnehin historisch – seit dem Beginn des aktuellen Bullenmarktes im Oktober 2022 hat die Aktie um über 1.800 Prozent zugelegt.

Allerdings wird die Messlatte für positive Überraschungen immer höher gelegt. Ross Seymore, Analyst bei der Deutschen Bank, gab zu bedenken, dass das erwartete Wachstum der kommenden zwei Jahre im aktuellen Kurs bereits weitgehend eingepreist sein dürfte. Bei den aktuellen Bewertungsniveaus wird es für den Konzern extrem schwer, die Erwartungen noch einmal zu übertreffen. Auch die Experten von UBS warnten, dass die sehr einseitige Positionierung vieler Marktteilnehmer und potenzieller Druck auf die Margen selbst bei guten Zahlen für hohe Volatilität sorgen könnten. Dass der Markt starke Quartalsberichte ignoriert und sich stattdessen auf Sorgen über die langfristige Investitionsrendite, die Konkurrenz durch maßgeschneiderte Eigenentwicklungen der Tech-Riesen oder eine Sättigung des Marktes stürzt, hat man in der Vergangenheit bereits gesehen.

Der Blick richtet sich auf Blackwell und China

Der eigentliche Gradmesser am Mittwoch wird die Blackwell-Architektur sein. Nvidia hatte im März betont, dass das Umsatzpotenzial für diese neuen KI-Chips bis 2027 bei mindestens einer Billion US-Dollar liegen könnte. Die Messlatte aus dem Februar-Bericht liegt hoch: Damals meldete das Unternehmen einen Rekordquartalsumsatz von 68,1 Milliarden US-Dollar bei einer Bruttomarge (Non-GAAP) von stolzen 75,2 Prozent. Der Markt will nun handfeste Beweise sehen, dass die Nachfrage nach Blackwell unverändert hoch ist und Nvidia diese extrem starken Margen verteidigen kann.

Spannung verspricht auch der Blick nach Asien. CEO Jensen Huang war kürzlich zusammen mit US-Präsident Trump in China unterwegs. Jegliche Kommentare im Rahmen des Earnings Calls zu potenziellen Deals oder regulatorischen Hürden in diesem Schlüsselmarkt dürften sich sofort im Kurs niederschlagen.

Interessanterweise berichtet Tim Arcuri, Analyst bei UBS, von einer gewissen Müdigkeit oder gar Apathie unter großen Long-Only-Investoren, was die Nvidia-Aktie angeht – und genau das könnte kurzfristig sogar ein Vorteil sein. Wenn die Erwartungshaltung bei den ganz großen Adressen nach den jüngsten Rekorden gar nicht mehr so euphorisch ist, reicht ein solides Zahlenwerk in Kombination mit positiven Signalen zu Aktienrückkäufen oder Dividendenerhöhungen unter Umständen schon aus, um die Aktie wieder anzuschieben.

Ein ruhigeres Umfeld abseits des KI-Rummels

Auch wenn Nvidia die Schlagzeilen dieser Woche dominieren wird, bietet der Kalender für die kommenden Tage zumindest abseits des Tech-Sektors etwas Raum zum Durchatmen. Für frische Impulse beim Konsumverhalten der Amerikaner werden die Quartalsberichte der Einzelhandelsriesen Target am Mittwoch und Walmart am Donnerstag sorgen. Zudem stehen die Zahlen der Billigairline Ryanair und des Regierungsdienstleisters Booz Allen Hamilton auf der Agenda. Am Freitag liefert das Konsumklima der Universität Michigan neue Daten zu den Inflationserwartungen der Verbraucher, während Konjunkturdaten der Federal Reserve aus New York und Kansas City Aufschluss über den Zustand der Dienstleistungswirtschaft geben. Das alles flankiert eine Woche, in der sich letztlich alles um die Frage dreht: Hält das KI-Fundament, oder bekommt die Story Risse?